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Ackermann Studien

Der Ackermann und der Tod, oder der Ackermann von Böhmen verdienten unbedingt meiner zeichnerischen Aufmerksamkeit. Ein ungeheuer kluger Text, niemand wird vermuten, dass er schon im Jahre 1400 geschrieben wurde. weiterlesen

Der Ackermann und der Tod, oder der Ackermann von Böhmen verdienten unbedingt meiner zeichnerischen Aufmerksamkeit. Ein ungeheuer kluger Text, niemand wird vermuten, dass er schon im Jahre 1400 geschrieben wurde. Sein Autor soll ein gewisser Johannes von Saaz sein. Ob alles nun lediglich eine Übung in der Kunst der Rhetorik darstellt, oder ob da jemand sich mit großer Klugheit einem Grundthema des Daseins widmet, elementarer kann man den Puls der Ewigkeit nicht fühlen. Leben und Sterben begleitet uns immer. Nie war es so profan und gleichzeitig so einleuchtend, wie in diesem Text. Der Kläger, offensichtlich ein Intellektueller, oder auch nicht, jedenfalls ein kluger »Jedermann« klagt den Tod an. In seiner Allgemeingültigkeit wird er konkret, denn es geht um sein Weib, dass er im Kindbett verloren hat, also in dem Moment, wo es Leben schenken wollte. Wir können uns vorstellen, daß zu dieser Zeit, das hier angegebene Beispiel kein Einzelfall war.
Der Tod tritt als Angeklagter auf und verteidigt sich, indem er den Sinn des Sterbens so klug und spitzfindig, wie es nur geht, verteidigt. Seine Argumente sind sachlich, die des Ackermanns, als trauernden Mann, sehr emotional. In diesem Sinne spaltet der Text schon sein Publikum. Denn beide haben recht. Emotional und rational und beide argumentieren richtig.

Genau hier setzen meine Arbeiten zum Thema an. Wir haben da einen trauernden Mann, der ist voller Vorwürfe und verirrt sich mächtig in seiner unfreiwilligen Einsamkeit. Sein Haar steht durcheinander, es ist so wirr wie sein Seelenzustand. Es interessiert ihn nicht, denn er hat gerade alles verloren, was sein Leben bis gestern lebenswert machte. Ich suchte nach diesem klugen Mann, der bewegt ist, der einsam ist, der anklagt. Der Tod, welcher so frei in diesem Text personifiziert wird, ist ein zwar unheimlicher, aber ein beinahe selbstverständlicher Dialogpartner. Eine meiner Urideen war, ganz ohne den personifizierten Tod das Ding als »One-man-show« zu zeichnen. Aber dann war mir das zu spartanisch, zu verpeilt artifiziell. Ich wollte den Tod als Persönlichkeit. In der Radierung hab ich das dann so gemacht. Die Schädelfresse hat beinahe comicartige Züge, aber sie bleibt immer Urgrund der Angst. Wer da agiert, agiert immer aus der größten Gewissheit, die allen Lebewesen gemein ist: der Gewissheit des irdischen Endes. Und in der lokalen Einschränkung finden wir die Hoffnung. Was könnte bleiben, wohin geht es dann?
In dem Text, dessen Anfang so ungeheuerlich modern anmutet, endet es zuletzt vor den Schranken Gottes, der überraschend als Richter zwischen den beiden auftritt. Es endet so kurios, als ob der Autor selbst nicht dran glaubt, sondern seinem Stück ein Ende gesetzt hat, welches der Propaganda seiner Zeit entspricht. Es wirkt nun wie Staatsräson: Der Tod hat nicht zu entscheiden, denn er ist nur Vollstrecker, wie ein Henker im Dienste des Herrschers und der Ackermann, welcher mit seiner Feder den Acker des Wissens pflügt, der soll nun wider besseren Wissens den Ratschluss Gottes ergeben akzeptieren.
Ein Schmarren nach all dem klugen Aufstand im Vorfeld. Fazit: beide scheißen auf Gott und sind schon ein paar Jahrhunderte weiter, wo der eine weiß, daß er unabdingbar ist und der andere ahnt, daß es Mittel und Wege gegeben hätte, das schlimme Schicksal vom eigenen Haus zu wenden.