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Requiem

Die Radierfolge »Requiem« entstand in den Jahren von 2002 bis 2005. Inhaltlich fokussiert jedes Blatt den Tripelpunkt aus drei Aspekten. weiterlesen

Da ist zunächst der direkte Bezug zu den einzelnen Sätzen des Requiems von Mozart, quasi als Überschrift in einer Antiqua mit großen Versalien. Bezug nehmend auf den im 17. Jh. sehr populären Vanitas-Gedanken hatte ich beschlossen, die Anlehnung an den Totengesang mit Pflanzen zu verbinden. Oft sind sie auf dem Zenit ihrer Pracht, oder bereits Gerippe, gebrochen oder welk. Das Dahinschreiten unseres Lebens, dessen physisches Ende unsere einzige Gewissheit ist, sucht dennoch Auswege in die Ewigkeit. Die Kunst selbst ist ein Weg über das eigene irdische Sein als stoffwechselnder Lehmkloß hinaus. Dieser Hoffnungsstrahl ist schon allein durch den Titel gegeben. Das Requiem gehört heute zu den wesentlichsten und berühmtesten Stücken der Musikgeschichte. Ein Stück für die Ewigkeit.

Zu den Titeln der musikalischen Sätze und den abgebildeten Vanitas-Motiven gesellt sich das unleserliche Gekrakel des gern beschwipsten Schöpfers. Gott sei Dank ist alles in Spiegelschrift belassen, denn im drucktechnischen Hin und Her müsste man alles spiegelschriftlich eingravieren, wenn es im nachfolgenden Druck seitenrichtig erscheinen soll. Die verwunschenen Textwüsten offenbaren nicht den Standort der Bundeslade oder des Grals, es werden auch nicht in der Manier eines Da Vinci große Erkenntnisse spiegelschriftlich verklausuliert. Wer sich also die Mühe machen sollte, die Texte zu entziffern, wird zumeist menschlichste Banalitäten erfahren. Es wurden Momente aufgezeichnet, die von der irdischen Leiblichkeit des Schöpfers auf erschreckend ehrliche Weise zeugen. Gleichzeitig passiert etwas. Eine Frau tritt ins Leben, sie heiraten auf dem Piha-Felsen in Neuseeland, eine Tochter wird geboren. Es ist das Allgemeinste und Unwesentlichste im großen Zusammenhang – im privaten Bereich dagegen sind diese die großen Ereignisse. Das Große, das Kleine, die Kunst und das Leben – alles verschmilzt hier zu einer Komposition, die sich über insgesamt 17 Radierungen streckt. Mein Requiem ist ein Stück Leben mit seinen erhabenen und seinen unbedeutenden Momenten, seiner Schönheit und Hässlichkeit, seiner ganzen Ambivalenz.